Interviews

Die Menschen verzaubern

Janina Baechle singt die Erda und Waltraute

Nicht erst durch die Ortrud, die sie kurzfristig von Agnes Baltsa übernahm, wurde man auf Janina Baechle aufmerksam. Seit ihrem Staatsopern-Debüt im Oktober 2004 merkte man immer wieder auf, wenn die aus Deutschland stammende Mezzosopranistin auf die Bühne trat. Nicht nur ihrer schönen Stimme wegen fiel sie auf, sondern auch dank ihrer Musikalität, ihrer Gestaltungskraft und ihrer darstellerischen Präsenz. Studiert hat Janina Baechle in Hamburg bei Gisela Litz und Hanna Schwarz, über Braunschweig, Hannover und Innsbruck kam sie an die Wiener Staatsoper, deren Ensemble sie angehört. Sie war hier unter anderem als Hedwige (Guillaume Teil), Brigitta (Die tote Stadt), aber auch als Rheingold-Erda zu hören. Nun debütiert sie als Erda in Siegfried und als Waltraute in Götterdämmerung. Mit Janina Baechle sprach Peter Blaha.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, kurzfristig Agnes Baltsa als Ortrud in der Lohengrin-Premiere an der Wiener Staatsoper ersetzen zu müssen?

Zum Glück kam der Anruf um 8.59 Uhr am Tag der Hauptprobe, als ich gerade unter der Dusche stand. Die Hauptprobe begann um 10 Uhr, insofern hatte ich keine Zeit, mir wirklich Gedanken zu machen. Um 9.20 Uhr saß ich schon in der Maske und habe mich auf die Probe konzentriert, ohne mir über irgendwelche Konsequenzen den Kopf zu zerbrechen. Ich habe mir zum Glück auch in den folgenden Tagen, als schon feststand, daß ich die Premiere singen würde, keinerlei Gedanken gemacht. Erst am Tag nach der Premiere ist mir allmählich bewußt geworden, auf welche Größenordnung ich mich da eingelassen hatte.

Schon am Ende der Hauptprobe haben Ihnen das Ensemble, Chor und Orchester begeistert zuapplaudiert.

Das war wunderschön! Zu wissen, daß mich das ganze Haus, vom Direktor bis zum Portier, auf Händen durch diese Premiere trägt, gab mir Kraft. Alle haben mich unterstützt, die Kollegen, das Orchester, der Chor, die Technik, die Inspizienten, so daß ich im nachhinein sagen kann, die Premiere habe ich eigentlich gar nicht allein bewältigen müssen.

Wann haben Sie mit dem Studium der Ortrud begonnen?

Im Frühjahr, als ich von der Staatsoper den Cover-Auftrag erhielt. Nachdem ich in Innsbruck 2004 bei Brigitte Fassbaender die Amme in der Frau ohne Schatten gesungen hatte, meinte sie zu mir, als nächstes kämen für mich eigentlich nur zwei neue Partien in Betracht, die Kundry und die Ortrud. Als ich von der Staatsoper den Studierauftrag erhielt, haben wir daher beide gesagt: Wunderbar! Das kommt jetzt genau richtig. Ich habe den Sommer über mit Brigitte Fassbaender und im Herbst mit unserem Studienleiter, der ein großer Wagner-Kenner ist, an der Ortrud gearbeitet. Dabei habe ich gemerkt, daß ich diese Partie mag, und daß umgekehrt sie auch mich mag.

Die Ortrud war ein großer Erfolg. Wie gehen Sie damit um?

Ich muß ganz ehrlich sagen, daß mir bis jetzt nicht wirklich bewußt ist, ob es ein Erfolg war. Natürlich habe ich mich über den Applaus gefreut und auch darüber, daß mir die meiste Presse keinen Vorwurf daraus machte, nicht Frau Baltsa zu sein. Aber mein eigenes Gefühl hat weniger mit dem Begriff Erfolg zu tun, sondern eher damit, es geschafft zu haben. Es läßt sich als Zufriedenheit beschreiben, weil ich eine Partie gefunden habe, in der ich mich zu Hause fühle und die in mir wächst.

Sie haben vorhin Brigitte Fassbaender erwähnt, die für Sie eine wichtige Mentorin ist. Wie sind Sie zu ihr gekommen?

Ich war in Hannover engagiert, sang dort Amneris und Geschwitz und war eigentlich recht zufrieden. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ich sollte mir noch von irgendwoher einen künstlerischen Anstoß holen. Zufällig fiel mir ein Flyer in die Hand, auf dem ein Meisterkurs mit Brigitte Fassbaender angekündigt wurde. Ich meldete mich an und wurde von ihr mit den Worten begrüßt: "Frau Baechle, das ist ja toll, daß Sie hier sind". Sie kannte mich von einem Wettbewerb, bei dem sie Jurymitglied gewesen ist, hatte mich in Braunschweig gehört und sich über meinen weiteren Werdegang informiert. Bei diesem Meisterkurs haben wir uns so gut verstanden, daß sie mir am Ende anbot, auch weiterhin mit ihr zu arbeiten und in Innsbruck, wo sie Direktorin des Landestheaters ist, zu singen. Sie fördert mich sehr, schon einfach dadurch, daß sie mir hilft, meine Stärken zu finden. Ich verdanke ihr unendlich viel.

Hat sie auch Ihre Liebe zum Lied geweckt?

Meine Liebe zum Lied war schon vorher da. Aber diese Liebe war mit ein Grund, daß ich zu Brigitte Fassbaender gehen wollte, die ja nicht nur eine tolle Opernsängerin, sondern auch eine exzellente Liedinterpretin gewesen ist. Seit meinem Studium empfinde ich Liedgesang mit als das Schönste, Intimste, Aufregendste und Farbenprächtigste, was man sich nur vorstellen kann. Ich finde es toll, wenn man Lied und Oper machen kann. Ich behaupte auch, daß man bei jedem Opernsänger hört, ob er auch ein Liedersänger ist.

Bei Ihrer Ortrud, die Sie sehr differenziert anlegen, hat man Ihre Affinität zum Lied ganz stark gehört.

Wenn man sich den Klavierauszug ansieht, wird man merken, daß Wagner sehr oft Piano oder Pianissimo vorschreibt. Als ich die Partie zu studieren begann, hatte allerdings auch ich noch Vorurteile und meinte, die Ortrud sei eine Brüllpartie. Das ist sie aber nicht. Gerade zu Beginn des zweiten Akts werden einem sehr viele Farbschattierungen und kleinste Nuancen abverlangt. Das macht mir unglaublichen Spaß, denn erst dadurch ist es möglich, eine Geschichte zu erzählen. Ich liebe es, mir zu jeder Figur eine Geschichte hinter der Geschichte auszudenken, um diese Figur besser verstehen zu können.

Sie haben ursprünglich sogar Geschichte studiert. Hat das mit Ihrem Hang zum Geschichten-Erfinden zu tun?

Ich finde es immer interessant zu erfahren, inwieweit die Vergangenheit uns heute beeinflußt. Ich bin auch eine leidenschaftliche Leserin von Biographien und Autobiographien, wobei ich mich manchen historischen Persönlichkeiten zunächst von der Literatur her annähere. Ich lese überhaupt sehr gerne, zur Entspannung auch mal einen Krimi. Daheim habe ich eine große Krimi-Bibliothek.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Musik mochte ich immer schon, aber an professionelles Singen hatte ich zunächst nicht gedacht, weil ich von meinem vierten bis zu meinem neunzehnten Lebensjahr unter chronischer Bronchitis litt. Ich habe zunächst Soziologie und Politikwissenschaft studiert, mich aber nach einer Bohème, bei der ich aus dem Weinen nicht herauskam, entschlossen, näher an die Musik heranzugehen. Ich bin dann auf Musikwissenschaft und Geschichte umgestiegen, wollte zusätzlich auch Gesang studieren, wurde aber bei der Aufnahmsprüfung nicht genommen. Doch mein Professor für Akustik, der mich singen gehört hatte, meinte, arbeitslose Musikwissenschafter gäbe es genug, ich solle es noch einmal mit dem Gesang versuchen. Beim zweiten Anlauf hat es dann geklappt.

Ihre ersten Engagements hatten Sie schon während Ihrer Studienzeit. Wie ist es dazu gekommen?

In Aufführungen der Hamburger Hochschule habe ich die Kabanicha in Katja Kabanowa in einer Fassung für zwei Klaviere und die Principessa in Suor Angelica gesungen, die mich mittlerweile sogar an die Semper-Oper gebracht hat. Mein erstes echtes Engagement führte mich ans Thalia Theater, wo für Terrence McNallys Stück Meisterklasse Gesangsstudenten gesucht wurden. Hildegard Schmahl hat die Maria Callas gespielt. Diese Arbeit mit einem Schauspielregisseur hat mich sehr stark geprägt. Auch in der Oper versuche ich immer, mich darstellerisch einzubringen. Diesbezüglich verdanke ich Andreas Homoki sehr viel, mit dem ich in Frankfurt Hänsel und Gretel, in Basel eine szenische Fassung des Verdi-Requiems und in Hannover Aida gemacht habe. Auch er legt sich zu jeder Figur eine Geschichte zurecht, und dieses Weiterspinnen, das ich bei ihm lernte, ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Mein erstes Festengagement an einem Opernhaus führte mich nach Braunschweig, wo ich von der Dryade in ARIADNE, über die deutsche Spieloper bis zur Erda in Rheingold alles gesungen habe. In Basel hatte mich der designierte Intendant von Hannover gehört und mich dorthin mitgenommen. Das war eine schöne Zeit. Ich habe dort Amneris, Geschwitz, Fenena, aber auch die Cornelia in Giulio Cesare gesungen.

Wurden Sie an solch mittelgroßen Bühnen wie Braunschweig und Hannover in Ihrer stimmlichen Entwicklung gefördert?

Ich hatte diesbezüglich immer Glück, auf Personen zu stoßen, die genug Fantasie hatten, sich mich in Rollen vorzustellen, an die ich selbst zunächst noch gar nicht gedacht hatte. Das konnte ein Intendant, ein Oberspielleiter, ein Dirigent oder wer auch immer sein. Auch Brigitte Fassbaender und Andreas Homoki haben diese Gabe. Homoki hatte mir schon vor Jahren prophezeit, ich würde einmal eine gute Amme sein. Ich selbst hatte sie mir erst jenseits der 40 einsortiert und war dann höchst überrascht, als sie mir von Brigitte Fassbaender schon viel früher angeboten wurde.

Gibt es für Sie eine Lieblingspartie?

Die Amneris liegt mir sehr am Herzen. Sie ist auch jene Rolle, die ich bisher am häufigsten gesungen habe. Mich fasziniert diese Figur, wie sie mit den falschen Mitteln einen Mann zu gewinnen versucht, den sie am Ende doch verliert und wie sie dann Größe gewinnt. Die Amme liebe ich ebenfalls, und nun habe ich die Ortrud lieb gewonnen. Sie gibt mir die Möglichkeit, das zu tun, was ich als Sängerin vor allem möchte: die Menschen verzaubern und sie für eine gewisse Zeit ihres Alltags entheben. Irgendwann träume ich von der Kundry, und ich hoffe, daß es auch wieder mehr Liederabende geben wird. Das Lied vermisse ich in den letzten Jahren sehr.